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«Offener Krieg» zwischen Pakistan und den afghanischen Taliban: Gründe, Stand, und Ausblick

Pakistanische Luftschläge gegen Ziele in Afghanistan führten Ende Februar 2026 zu einer Eskalation des Konfliktes zwischen Pakistan und den afghanischen Taliban. SIGA analysiert die Hintergründe um Anschuldigungen, dass afghanische Taliban pakistanischen Dschihadisten Unterschlupf gewähren, den Stand der Kampfhandlungen, und wagt einen Ausblick, der zum Schluss kommt, dass beide Seiten zwar aggressiv vorgehen, jedoch scheinbar nicht in einen grösseren Krieg gezogen werden wollen.

Ein afghanischer Taliban vor dem pakistanischen Grenzübergang in Bahramchah in der südafghanischen Provinz Helmand (Dezember 2021)

Eskalation

Gefechte und Luftschläge an der von Afghanistan nicht anerkannten afghanisch-pakistanischen Grenze gab es in den letzten Jahren verschiedentlich. Ende Februar 2026 eskalierten solche jedoch in einem Ausmass, welchen den pakistanischen Verteidigungsminister Khawaja Asif dazu veranlasste, von einem «offenen Krieg» zwischen Pakistan und dem von Taliban kontrollierten Afghanistan zu sprechen.

 

Die neuste Eskalation im Konflikt zwischen der pakistanischen Regierung und den afghanischen Taliban begann am 21. Februar 2026. An diesem Tag führte die pakistanische Luftwaffe Bombardierungen von Zielen in den afghanischen Provinzen Nangarhar, Khost, und Paktika durch, die alle an Pakistan grenzen. Pakistan gab an, dass diese Angriffe gegen Dschihadisten gerichtet waren, die in früher im Februar verübte blutige Anschläge an verschiedenen Orten in Pakistan involviert gewesen sein sollen. Die afghanischen Taliban sowie andere unabhängige Quellen erklärten hingegen, dass bei den fraglichen pakistanischen Luftschlägen lediglich Zivilisten ums Leben kamen.

 

In der Folge kündigten die afghanischen Taliban Vergeltung an und erklärten, in Militäroperationen entlang der umstrittenen Grenze mehrere pakistanische Grenzposten eingenommen zu haben.

 

Pakistan schoss nicht nur an der Grenze zurück, sondern führte weitere Luftschläge aus, die auch Ziele in afghanischen Städten trafen, namentlich in der Hauptstadt Kabul sowie dem südlichen Kandahar, dem historischen Zentrum der Taliban-Bewegung, welches von vielen nach wie vor als inoffizielle Hauptstadt der Taliban gesehen wird. Gemäss zwei Beobachtern mit guten Einblicken in Afghanistan hatten diese späteren Luftangriffe, im Gegensatz zu denjenigen, die die Eskalation auslösten, nicht mehr pakistanische Dschihadisten zum Ziel, sondern Militäreinrichtungen und Waffendepots der afghanischen Taliban.

 

All dies war von einem online Schlagabtausch von Offiziellen, Propagandisten, und Beobachtern begleitet, der signifikant intensiver war als gewöhnlich und regelmässig heftiges Säbelrasseln beinhaltete.

Gründe

Kerngrund für die letzte Eskalation sowie frühere Gefechte an der umstrittenen afghanisch-pakistanischen Grenze ist, dass die pakistanische Regierung die afghanische Taliban beschuldigt, Dschihadisten, die gegen die pakistanische Regierung kämpfen, insbesondere Mitglieder der Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP), zu beherbergen und nichts dagegen zu unternehmen, dass diese immer mehr Anschläge in Pakistan verüben.

Die afghanischen Taliban streiten dies ab und wiederholen regelmässig, dass sie niemandem erlauben würden, afghanisches Territorium für Angriffe gegen andere Länder zu verwenden, und Anschläge in Pakistan von in Pakistan basierten Dschihadisten durchgeführt werden, weshalb dies ein internes pakistanisches Problem sei.

 

Fakten unterstützen diesbezüglich die pakistanische Position. Anschläge innerhalb von Pakistan haben seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 in der Tat exponentiell zugenommen. So hielt die unabhängige Recherche-Plattform The Oxus Watch zum Beispiel fest, dass die Zahl der von der TTP beanspruchten Anschläge in Pakistan von 15 im Februar 2021 (sprich vor der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan) auf 352 im Februar 2026 angestiegen ist. Dass eine grosse Zahl von TTP-Mitgliedern in Afghanistan leben und von dort nicht nur Angriffe in Pakistan planen, sondern aus Afghanistan nach Pakistan gehen, um diese auszuführen, ist auch belegt. Dies ergibt sich nicht nur aus früheren direkten Gesprächen mit TTP-Mitgliedern in Afghanistan, sondern auch aus dem Austausch mit drei TTP-Mitgliedern, die Anfang März 2026 unter afghanischen Nummern in Afghanistan kontaktiert werden konnten. Ein TTP-Mitglied sowie ein anderer Beobachter in Afghanistan erwähnten dabei auch, dass zahlreiche Männer der höchsten TTP-Führungsriege seit Langem und nach wie vor in Afghanistan leben. Unabhängige Augenzeugen berichten ebenfalls kontinuierlich über freundschaftliche Beziehungen zwischen TTP-Mitgliedern und afghanischen Talibanbeamten und haben in der Vergangenheit spezielle ID-Karten und Waffenscheine gesehen, die von afghanischen Talibanbehörden an TTP-Mitglieder ausgestellt worden sind und es diesen erlaubt, sich frei und bewaffnet in Afghanistan zu bewegen.

 

Der Fairness halber ist anzumerken, dass die afghanischen Taliban teilweise gewisse Schritte unternommen haben, um die Situation um die TTP in Afghanistan zu adressieren. So haben die Taliban in der Vergangenheit Friedensverhandlungen zwischen den TTP und Pakistan vermittelt und teilweise versucht, TTP-Mitglieder von Grenzgebieten in spezielle Lager an anderen Orten von Afghanistan umzusiedeln. Solche Schritte haben aber kaum konkrete Resultate gezeitigt und die Umsiedlungen, die zwar teilweise geschahen, wurden von vielen, wenn nicht einem Grossteil der TTP-Mitglieder in Afghanistan abgelehnt, woraufhin die afghanischen Taliban nichts Signifikantes unternommen haben.

Stand

Per 4. März 2026 gaben ein TTP-Mitglied in Afghanistan sowie ein Beobachter vor Ort an, dass sowohl Gefechte an der umstrittenen Grenze als auch pakistanische Luftschläge und Überflüge in Afghanistan nicht mehr so zahlreich und intensiv seien wie zuvor. Der Beobachter sprach zudem davon, dass die Moral unter afghanischen Taliban-Kämpfern nach anfänglicher Euphorie, gegen Pakistan Vergeltung zu üben, in den vergangenen Tagen abgenommen hätte. Dennoch halten Schusswechsel sowie Bombardierung durch Flugzeuge, Drohnen, und Artillerie weiter an. Diesbezüglich erklärte ein Bewohner von Nangarhar ebenfalls am 4. März 2026, dass er und Hunderte andere Familien am Anfang der Eskalation aus ihren Häuser hätten fliehen müssen und bisher nicht hätten zurückkehren können.

 

Opferzahlen können kaum verlässlich bestimmt werden. Angaben beider Seiten, einige Hundert Kämpfer der jeweiligen anderen Seite getötet oder verwundet zu haben, scheinen übertrieben. Realistischer sind wohl Zahlen von einige Dutzend. Dasselbe gilt für zivile Opfer.

Betreffend Behauptungen von afghanischen Taliban, zahlreiche pakistanische Grenzposten eingenommen zu haben, erklärte eine Person vor Ort, dass afghanische Taliban in der Tat viele pakistanische Grenzposten überrannt hätten, diese dann jedoch angezündet und wieder verlassen hätten. Zumindest in einigen Fällen, hätten pakistanische Grenztruppen solche Posten auch absichtlich verlassen, um afghanische Taliban auf deren Abzug von solchen Posten in Hinterhalten anzugreifen, fügte er an. Dies gesagt erklärte ein TTP-Mitglied in Afghanistan, dass die TTP selber zwar weiterhin Operationen in Pakistan durchführen würden, aber keine bedeutenden Vorstösse hätten erzielen können.

 

Was die pakistanischen Luftschläge gegen Taliban-Militäranlagen bewirkt haben, konnte nicht genau bestimmt werden. Zwei kontaktierte Taliban behaupteten, dass diese keine signifikanten Verluste oder Schäden angerichtet hätten. Ein anderer Beobachter gab an, dass die pakistanischen Luftangriffe zwar Waffendepots und Militärfahrzeuge der Taliban getroffen hätten, dass die Taliban jedoch auch einen Grossteil ihrer Waffen in versteckte oder gut geschützte unterirdische Depots verlegt hätten und sich Verluste deshalb in Grenzen gehalten hätten.

Generell gab es Anzeichen, dass sowohl die pakistanische Regierung als auch die afghanischen Taliban ihre jeweiligen Operationen — trotz kriegerischer Rhetorik und grösserem effektiven Ausmass als in früheren Gefechten — bewusst bis zu einem gewissen Grade limitiert halten, um eine zu starke Eskalation zu verhindern. Gewisse Aussagen von Taliban sprachen auch explizit von limitierten, defensiven Operationen und dass die Taliban keinen grösseren Konflikt suchen.

Ausblick

Derzeit scheint das wahrscheinlichste Szenario, dass beide Seiten ihre Operationen über kurz oder lang herunterfahren werden und die Situation mehr oder weniger zum status quo ante zurückkehren wird.

Dies bedeutet jedoch auch, dass das Kernproblem von vermehrten dschihadistischen Anschlägen in Pakistan sowie der Präsenz der TTP und anderen gegen die pakistanische Regierung gerichteten Dschihadisten in Afghanistan ungelöst bleibt und deshalb zukünftige Gefechte und Luftschläge im Konflikt zwischen Pakistan und den afghanischen Taliban wohl nur eine Frage der Zeit sind.


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