Gleichzeitigkeit von Krisen - Was hinter der Häufung globaler Konflikte steckt
Kriege, Cyberangriffe und wirtschaftlicher Druck treffen Demokratien zunehmend gleichzeitig und stellen ihre traditionellen Sicherheitsvorstellungen infrage, sagt der Politologe Urs Vögeli.
«Trump hat im Moment nicht die Karten, um in China zu eskalieren»
Was wurde erreicht? Wer hat mehr herausgeholt? Und verändert das irgendetwas? Geopolitik-Experte Remo Reginold ordnet das Treffen zwischen Donald Trump und Xi Jinping ein.
«Parade zeigt Putins ausweglose Situation»: Darum ist die Moskauer Siegesfeier diesmal so entlarvend
Gastbeitrag in der Aargauer Zeitung von Marcel Hirsiger, 06.05.2026 (Paywall)
SIGA-Fellow Marcel Hirsiger analysiert in seinem Gastbeitrag für CH-Media die diesjährige russische Siegesparade als Ausdruck einer tiefen politischen und militärischen Krise des Kremls: Weniger schweres Gerät, ausbleibende Staatsgäste und die Angst vor ukrainischen Angriffen zeigen, wie stark der Krieg inzwischen auch Russland selbst erreicht hat. Der 9. Mai sei für Putin längst mehr als ein Gedenktag, sondern eine ideologische Inszenierung eines vermeintlichen Abwehrkampfs gegen den Westen geworden. Gleichzeitig warnt Hirsiger davor, die aktuelle Schwäche Moskaus als Friedenssignal zu missverstehen, denn «Putin bleibt inzwischen nur noch die Flucht nach vorne». Die zunehmende internationale Isolation Russlands und die verschärfte Rhetorik gegenüber der Ukraine und der Nato deuteten vielmehr auf eine weitere Eskalation des Konflikts hin.
Brics profitieren vom Krieg - Wer am wenigsten verliert, ist der Sieger
Sieger, vor allem langfristig, dürften die Brics-Staaten sein. Vögeli: «Dieser Krieg zementiert das antiamerikanische, das antikoloniale Narrativ, das die Brics-Staaten pflegen. Das Vorgehen der USA hat langfristig Konsequenzen, weil es im globalen Süden in den Köpfen bleibt.» «Mittel- und langfristig werden sich viele Staaten überlegen, wie sie sich zu den USA positionieren», so Vögeli.
Unter den gewaltig gestiegenen Öl- und Gaspreisen und den wirtschaftlichen Verwerfungen leidet die ganze Welt: «Das trifft selbstverständlich alle. Es tut allen weh. Aber die Frage ist, wem tut’s mehr und wem tut’s weniger weh.»
Zu jenen, denen es etwas weniger weh tut, gehören drei der wichtigsten Mitglieder der Staatengruppe der Brics, vor allem die Führungsmacht dort, China: «China ist auf solche Schocks gut vorbereitet. Und kann sich zurücklehnen, wie voriges Jahr beim Zollstreit.»
Russland als Rohstoffexporteur profitiert momentan sogar erheblich von den gestiegenen Ölpreisen – und davon, dass der Iran-Krieg ablenkt von seinem Krieg gegen die Ukraine. Indien wiederum muss derzeit keine US-Strafen mehr erdulden, wenn es in grossem Stil russisches Erdöl bezieht.
Doch der Iran-Krieg und die Tatsache, dass die USA von Zukunftsthemen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit, Freihandel oder Entwicklung, die für grosse Teile der Welt entscheidend sind, unter Trump nichts mehr wissen wollen, beschleunigen eine Entwicklung, die ohnehin im Gang ist: den Bedeutungsverlust des Westens in der Welt.
Experten ordnen die US-Seesperre in der Strasse von Hormus ein - «Die Blockade ist ein interessantes Mittel, um Unsicherheit zu kultivieren»
Vögeli sieht in der US-Blockade eher eine psychologische als eine militärische Waffe. «Donald Trump ist sehr geschickt darin, seine Politik zu inszenieren, eine Dramaturgie aufzubauen und auch relativ rasch von einem Thema zum nächsten zu springen», erklärt er. «Die Blockade ist dabei ein interessantes Mittel, die Aufmerksamkeit zu lenken, Ängste zu schüren und Unsicherheit zu kultivieren.»
Können die Huthis das «Tor der Tränen» wirklich blockieren? - «Sie sind noch weniger kleinzukriegen als die Iraner»
Mit ihrem Kriegseintritt am Samstag lanciert die Huthi-Miliz eine neue Eskalationsstufe. Für Teheran eröffnet sich die Möglichkeit, den Druck auf die Weltwirtschaft massiv zu erhöhen. Eine Einordnung von Dr. Remo Reginold
«Es geht um Dramaturgie und Gegendramaturgie», schätzt Reginold die Drohung ein. «Beide Seiten pokern hoch, Trump mit seinen Invasionsvorbereitungen und der Iran jetzt via die Huthis. Das Risiko besteht, dass beide mit Volldampf auf den Abgrund zufahren in der Hoffnung, dass der andere nachgibt.» Dies mache die aktuelle Situation zu einem gefährlichen «Pulverfass».
Warum der Iran-Krieg Putin in die Hände spielt
Interview in 20min mit Marcel Hirsiger, 25.03.2026
SIGA-Fellow Marcel Hirsiger ordnet die jüngsten massiven Drohnenangriffe im Kontext einer strategischen Eskalation ein, die über den Ukrainekrieg hinausweist. Er betont, dass Russland vom
parallelen Konflikt im Nahen Osten profitiert, da Aufmerksamkeit, Ressourcen und militärische Unterstützung des Westens zunehmend gebunden werden. Zugleich sieht er in der Intensivierung der
Drohnenkriegsführung eine neue Qualität, die auf eine langfristige Anpassung moderner Kriegsstrategien hindeutet. Hirsiger argumentiert, dass insbesondere die Zusammenarbeit und indirekte
Wechselwirkungen zwischen Russland und Iran das geopolitische Momentum zugunsten Moskaus verschieben. Insgesamt warnt er vor einer strategischen Überdehnung des Westens, die die Position der
Ukraine nachhaltig schwächen könnte.
Frontal gegen alle: Polens Präsident Karol Nawrocki betreibt eine gefährliche Politik der Spaltung
Gastkommentar NZZ von Marcel Hirsiger, 25.02.2026
SIGA-Fellow Marcel Hirsiger kommentiert in der NZZ die aktuelle Veto-Politik des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki und die Bedeutung für die europäische Sicherheit. Staatspräsident Karol Nawrocki hat das Amt in kurzer Zeit stark politisiert, blockiert mit zahlreichen Vetos die Regierung Tusk und verschärft damit die innenpolitische Polarisierung. Diese Blockade trifft Polen in einer Phase wirtschaftlicher Stärke, bremst jedoch Reformfähigkeit, strategische Zukunftsplanung und den pragmatischen Kurs, der den bisherigen Transformationserfolg ermöglicht hatte. Aussenpolitisch stellt Nawrocki die Unterstützung für die Ukraine zunehmend infrage, schürt historische und gesellschaftliche Ressentiments und belastet zugleich den Zusammenhalt innerhalb der EU, insbesondere gegenüber Deutschland. Seine konfrontative Politik schwächt Polens Rolle als sicherheitspolitischer Schlüsselstaat Europas und verschiebt das innenpolitische Kräfteverhältnis zugunsten rechtsextremer Akteure, die bei künftigen Wahlen zur Machtoption werden könnten.
Greifen die USA den Iran an? Experte schätzt Kriegsgefahr ein
Der Iran ist militärisch umzingelt – schlägt Trump bald zu?
Beide Seiten blufften hoch und bewegten sich «mit Volldampf auf den Abgrund zu», so Reginold. Das Risiko, dass niemand rechtzeitig ausweiche, sei beträchtlich. Hinzu
komme der geopolitische Kontext. Iran, Russland und China führen ein gemeinsames Marinemanöver in der Strasse von Hormus durch. Ein Angriff würde dieses Geflecht kurzfristig unter Druck setzen.
Mit einem Angriff würden zudem die Ölpreise kurz- bis mittelfristig stark steigen.
Doch
insgesamt würde ein Angriff die ohnehin angespannte Weltlage weiter verschärfen. Langfristig würde das Bild gestärkt, dass der Westen militärisch gegen schwächere Staaten vorgeht, was
Gegenspielern wie dem Bündnis Iran–Russland–China oder den Brics-Staaten Aufwind geben könnte.
Trennung von Trump: Wird China Europas neue Schutzmacht?
«Die USA werden immer mehr wie China.» Befürchtungen, die zuvor in Bezug auf China Thema waren, werden jetzt auch bei den USA zum Problem, wie etwa Eigeninteressenorientierung, Unberechenbarkeit und neue Formen von Abhängigkeiten. «Die Chinesen stellen Europa nun narrativ vor die Wahl zwischen zwei Autokratien. Auf der einen Seite eine, die sich für die bestehende multilaterale Weltordnung ausspricht, und auf der anderen Seite die Vereinigten Staaten unter Trump.» Exemplarisch sei das auch etwa im Bereich Energiepolitik zu sehen. «China ist weltweit führend im Bereich erneuerbare Energien. In den USA heisst es ‹Drill Baby Drill›.» China biete Europa durch eine clevere Positionierung und Rhetorik eine vermeintlich einfache Wahl.
China habe sich gezielt vom Billigproduktionsland zum weltweiten Führer in Schlüsseltechnologien entwickelt und Kontrolle über kritische Ressourcen und Lieferketten erlangt – «besonders auch im vom Westen stark vernachlässigten globalen Süden». Damit komme auch ein Imagewechsel. «Während vor allem in den älteren Generationen China noch als Land der billig und schlecht produzierten Ware gilt, ändert sich das in den jüngeren Generationen Stück für Stück etwa mit Deepseek und Tiktok.»
Fazit: «Die europäische Wirtschaft ist längst untrennbar mit China verstrickt. Das wird sich wohl weiter verstärken und geht mit einem besseren Image für China einher.»
Gastkommentar: Putins Scheinverhandlungen sind ein Teil des Krieges gegen Europa
SIGA-Fellow Marcel Hirsiger argumentiert in seinem Gastkommentar für CHMedia, dass Russland Verhandlungen nicht als Mittel zur Beendigung des Krieges nutzt, sondern gezielt als Instrument hybrider Kriegsführung gegen Europa. Moskau inszeniert dabei wiederkehrende Phasen der Schein-Diplomatie. Die schliesslich präsentierten «Angebote» sind für die Ukraine bewusst unannehmbar und zielen darauf ab, Kiew als Blockierer von Frieden darzustellen. Diese Strategie richtet sich, so Marcel Hirsiger, weniger gegen die Ukraine selbst als gegen die öffentliche und politische Meinungsbildung im Westen, wo zunehmend Forderungen nach ukrainischen Zugeständnissen laut würden. Hirsiger warnt davor, in diesem Kontext überhaupt von Verhandlungen zu sprechen, da Russland keinerlei verhandlungsfähiges Angebot einbringe.
Grönland-Pläne: Zögert Europa weiter – oder droht ein Handelskrieg?
Trump treibt Europa vor sich her. Die „Bazooka“ ist ein schwacher Bluff im martialischen Handelskonflikt. Die globale Machtgeometrie verschiebt sich drastisch. Mein Interview in 20min:
„Ein offener Handelskrieg zwischen den USA und Europa würde vor allem Dritten nutzen: China, Indien oder Golfstaaten könnten sich als neue, verlässliche Handelspartner positionieren – als Alternative zu den «drängenden» USA. In Ansätzen tun sie das bereits.“
Machtverschiebung: «Schläft die Schweiz weiter, ist unser Wohlstand in Gefahr»
„Die Welt soll wieder über Amerika reden. Das gelingt kurzfristig, doch es wird die grossen Verschiebungen noch beschleunigen.“
„Die Welt wird multivektorieller. Der sogenannte globale Süden gewinnt an Macht und verschafft sich über Themen wie Technologie, Klima, Forschung oder Rohstoffe Einfluss. Die bisherige regelbasierte Weltordnung bricht auseinander. Und die Chinesen positionieren sich da perfekt, spielen rhetorisch voll auf die Karte des westlichen Multilateralismus, und die Amerikaner ziehen sich von den multilateralen Institutionen wie der UNO zurück.“
„Die Schweiz verwaltet zunehmend ihren bestehenden Reichtum, aber wir sind kaum mehr kreativ. Der Pioniergeist ist weg.“
"Revolverheld – Donald Trumps neue Weltordnung"
Nach dem Angriff auf Venezuela legt Donald Trump nach – und droht anderen Ländern wie Grönland und Iran mit Waffengewalt. Der US-Präsident bricht laufend Tabus und ignoriert damit ein Wahlversprechen an seine Basis. Das «Rundschau»-Porträt u.a. mit Dr. Remo Reginold.
Geheimnis gelüftet: Wieso die Schweiz ihr Gold aus den USA abzog
Urs Vögeli, Co-Gründer der Denkfabrik Swiss Institute for Global Affairs, beurteilt das ähnlich. «Die Schweiz und die EU sind sehr lethargisch», beobachtet er. «Sie glauben, der Spuk sei nach drei Jahren vorbei und wollen sie mit möglichst wenig Kollateralschäden durchstehen.» Das sei aber trügerisch. «Jeder kann jederzeit ins Visier geraten.» Wie China verwende auch Trump das Prinzip des Probings: Er sondiere, wie weit er gehen könne und schaffe Fakten. Bei China sei dieser Prozess langfristiger angelegt, Trump hingegen schaffe gezielt Chaos.
«Mitten im Umbruch»: Hat Donald Trump die Weltordnung beendet?
Auch kurze Kriege letztes Jahr wie zwischen Indien und Pakistan oder aktuelle Luftangriffe Frankreichs und Grossbritanniens in Syrien zeigen laut Vögeli, dass militärische Mittel zur Interessendurchsetzung zur neuen Normalität werden.
Chinas Strategie funktioniere langfristig. Aktuell könne China das BRICS-Narrativ, dass man sich gegen ein dominantes Amerika absichern müsse, laut dem Experten zementieren.
Einschätzung zu Venezuela: «Es gibt nach wie vor das Militär, Kartelle und Warlords»
Dass eine westliche Macht mit militärischen Mitteln einen Regierungsumsturz herbeiführt, ist Wasser auf die Mühlen all jener, die dem Westen Doppelmoral vorwerfen. Gerade die BRICS-Staaten werden dieses Narrativ weiter kultivieren.
In Europa müssten wir den Angriff verurteilen, da er nicht mit dem Völkerrecht vereinbar ist. Was wollen wir sonst China sagen, wenn es mit ein paar Wasserwerfern philippinische Schiffe attackiert? Es bleibt aber ein Dilemma: Insgeheim sind viele froh, wenn das Unrechtsregime in Venezuela fällt und der Drogenhandel eingeschränkt werden würde.