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Frenemies und der Iran-Krieg: BRICS at its best

Schon wurde mit dem Iran-Krieg ein Abgesang auf das BRICS-Konstrukt gesungen. Zwei Staaten dieses Konstrukts stehen faktisch im Krieg gegeneinander. Die politisch gewichtigen BRICS-Staaten würden dem angegriffenen «Bündnispartner» Iran nicht zur Hilfe eilen. Sie haben weder eine gemeinsame Position, noch eine geeinte Kommunikation, so die Beurteilung. Diese Sicht verkennt die Funktionsweisen und strategischen Konvergenzen der BRICS-Ökosysteme, zu denen etwa auch die Shanghai Cooperation Organisation (SCO) gehört. Inzwischen wird sogar deutlich, dass diese Art von Weltpolitik gestärkt aus diesem Krieg hervorgehen könnte.

Funktionsweisen und Kultur

Der vor allem indisch geprägte Begriff Frenemies (vgl. Kofferwort aus Friends und Enemies) verdeutlicht das Verständnis dieser Ökosysteme. Man kann unter dieser Prämisse Feind, Mitbewerber und Freund zugleich sein, problemlos. Indien und Pakistan können im letzten Jahr einen Luftkrieg führen und Wochen später gemeinsam bei der SCO auftreten. Es ist eine Operationalisierung der Vielfalt als Chance. Taktische, kurzfristige Einigkeit ist dabei kein Kriterium, lauthals kommunizieren ebenfalls nicht. Vielmehr stehen langfristige gemeinsame Visionen und Ambitionen im Zentrum, die Schritt für Schritt, manchmal auch übers Eck und intransparent realisiert werden. Bilaterale und minilaterale Projekte und Netze werden gesponnen. Es ist ein spielerisches Strategieverständnis, das nicht nach festen Kategorien funktioniert. Es geht also nicht um Bündnisse im klassischen Sinn, sondern vielmehr um opportune Konstellationsdesigns. Die Strategie steht vor der Taktik. So steht auch der Krieg im Iran mit dieser Perspektive der BRICS-Idee nicht im Weg. Vielmehr dürfte sogar eine Stärkung des Konstrukts die Konsequenz sein.

Abkehr von einer amerikanisch-westlichen Weltordnung

Das Narrativ eines dominanten, militärischen Amerikas wird definitiv gestärkt. Missmut und Vertrauensverlust dürften die Folge sein. Sogar die Golfstaaten werden mit ihren Mittel- bis Langfriststrategien die Abhängigkeit von Amerika re-artikulieren. Kurzfristig wird man sich nicht abwenden, aber sich diverser und alternativ abstützen wollen. Dabei stehen China, Russland und Indien, damit das BRICS-Konstrukt als Anker zur Verfügung. Auch Staaten wie Brasilien und Indonesien tragen zur Diversifikation und Resilienz bei. Pakistan und Ägypten können sich als Friedensvermittler positionieren. Mit dem Krieg wird zudem die Dedollarisierung und die Abkehr vom Petrodollar beschleunigt, auch wenn dies noch einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern dürfe. Aber solche Schocks können als Katalysator fungieren.

Das gemeinsame, strategisch zusammenhaltende Narrativ dieser fluiden und pragmatischen Zusammenballungen wird also mittel- bis langfristig zementiert: Abhängigkeiten und Verletzlichkeiten gegenüber dem Westen und insbesondere den USA reduzieren, eigene Stärken "South-South" weiter aufbauen. Kurzfristig wird man wahrscheinlich etwas ruhiger sein, so lange Amerika so dominant auftritt. Diese Strukturen entziehen sich aber bewusst unseren Allianz- und Blockvorstellungen. Die Zusammenarbeit läuft neben der starken Symbolpolitik subtiler und geflechtartig. Schweigen ist ein Muster bei diesen Gruppierungen und ein strategisches Element, das in unserer politischen Kommunikationskultur ebenfalls kaum auszuhalten ist, aber dort eben kein Problem, sondern sogar Stil-Mittel ist.

Russland, Indien und China dürften strategisch und sogar materiell profitieren

Auch alte antikoloniale Ressentiments dürften im Globalen Süden mit diesem Krieg gefestigt werden. Die Doppelmoral des Westens ist dabei eine Argumentationslinie, die die BRICS-Staaten nun insbesondere im Vergleich zum Krieg in der Ukraine ausspielen, etwa auch in Foren wie G20 und UNO. Zumal Russland, Indien und China auch materiell gestärkt aus dem Krieg hervorgehen dürften, trotz gleichzeitig auch schmerzlicher wirtschaftlicher Konsequenzen, die jedoch die ganze Welt treffen. Indien hat ein Argument um weiterhin russisches Öl zu kaufen und wurde ebenfalls von Trumps Amerikanismus gedemütigt. Russland profitiert vom westlichen Aufmerksamkeits- und Ressourcenverlust gegenüber dem Krieg in der Ukraine sowie vom Ölpreis und LNG-Infrastruktur. China kann sich als stabil, verlässlich und multilateral präsentieren. Diverse Schiffe aus diesem Ökosystem konnten zudem die Strasse von Hormus durchaus passieren. Mit Manövern kurz vor Kriegsstart, sowie Waffenlieferungen und nachrichtendienstlicher Unterstützung findet durchaus auch eine militärische Zusammenarbeit statt.

Letztendlich werden verändernde Ressourcenströme, Investitionen und Infrastrukturen die bereits seit längerer Zeit laufenden Verschiebungen untermauern müssen. Die Ambivalenz und der Pragmatismus werden weiter bestehen und gerade von Staaten des Globalen Südens gefördert. Dabei werden westliche Ordnungsvorstellungen und Vormachtstellungen zunehmend in Frage gestellt. Der Iran-Krieg wird diese Trends beschleunigen und somit wahrscheinlich zu einem strategischen Eigentor für den politischen Westen.