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Chagos: Die Dekolonisierung des Indischen Ozeans?

Von Gwadar über Hambantota bis Diego Garcia: Warum die Chagos-Inseln weniger über Dekolonisierung und Donald Trump aussagen als über den Aufstieg Indiens zur Ordnungsmacht im Indischen Ozean und als Raum der neuen Geopolitik.

Die westliche Debatte über die Chagos-Inseln wird als Konflikt zwischen Dekolonisierung und Sicherheitspolitik geführt. Doch diese Lesart greift zu kurz. Insbesondere die kurzfristigen Pläne des amerikanischen Präsidenten, die Inseln kaufen zu wollen zielen an den Realitäten vorbei. Sie verdeutlichen aber zugleich die symbolische und strategische Bedeutung der Inselgruppe.

Indien begrüsste die Vereinbarung zwischen Grossbritannien und Mauritius vom Mai 2025 ausdrücklich als wichtigen Schritt zur Vollendung der Dekolonisierung und verwies dabei auf internationales Recht sowie die regelbasierte internationale Ordnung. Die Inselgruppe im Indik mit seinen zahlreichen Atollen ist in britischem Besitz und sollte mit dem Abkommen an Mauritius zurückgegeben werden. Das grösste Atoll mit der Insel Diego Garcia beheimatet ein von den USA und Grossbritannien gemeinsam genutzter Militärstützpunkt. Dieser Stützpunkt sollte noch 99 Jahre unter britischer Kontrolle bleiben, was die Briten Milliarden gekostet hätte. Ein Abkommen wollen die Briten aber nur mit der Unterstützung der USA unterzeichnen, die das bekanntlich verweigern.

Das indische Aussenministerium sprach von den «legitimen Ansprüchen» von Mauritius und bekräftigte seine jahrzehntelange Unterstützung für die mauritische Souveränität über das Archipel. Diese Haltung entspricht dem traditionellen Selbstverständnis Indiens als postkoloniale Macht und Sprecher des Globalen Südens. In den Narrativen Neu-Delhis ist Chagos ein weiteres Kapitel einer historischen Korrektur kolonialer Grenzziehungen.

Gleichzeitig fordert Indien jedoch weder die Schliessung der amerikanischen Militärbasis auf Diego Garcia noch eine grundlegende Veränderung der bestehenden Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, die Präsenz der USA wird in vielen indischen Analysen als stabilisierender Faktor und als Gegengewicht zu Chinas wachsendem Einfluss eingestuft. Neu-Delhi will die Sicherheitsordnung des Indischen Ozeans nicht ersetzen. Indien will vielmehr die politische Ordnung und Deutung darüber neu gestalten. So balanciert Indien seine Ausrichtung situativ aber konstant aus.

Die Chagos-Frage muss im Kontext von Gwadar in Pakistan, Hambantota in Sri Lanka und Diego Garcia gelesen werden. Aus Sicht Neu-Delhis handelt es sich um Schlüsselorte eines geopolitischen Wettbewerbs, in dem die politische Geographie des Indischen Ozeans neu verhandelt wird. In diesem Kontext spielt Mauritius eine besondere Rolle. Anders als Pakistan oder Sri Lanka ist der Inselstaat ein enger strategischer Partner Indiens. Die Übertragung der Souveränität stärkt daher nicht nur Mauritius, sondern indirekt auch die Position Indiens. Mauritius entwickelt sich schrittweise zu einem strategischen Ankerpunkt indischer Präsenz im westlichen Indischen Ozean. Die sicherheitspolitische Kooperation wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut. Neu-Delhi investiert in maritime Überwachungssysteme, Hafeninfrastrukturen und Sicherheitskooperationen. Gleichzeitig hat Indien seine wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unterstützung für Mauritius massiv ausgeweitet.

Die eigentliche geopolitische Verschiebung besteht folglich nicht in einer direkten Schwächung westlicher Macht. Sie besteht darin, dass die politische Legitimation der Ordnung im Indischen Ozean regionalisiert wird. Mit anderen Worten nutzt Indien die Sprache der Dekolonisierung, um die politische Geographie des Indischen Ozeans neu zu ordnen. Gleichzeitig hält auch China enge diplomatische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu Mauritius, die 1972 aufgenommen wurden und 2024 zu einer «Strategischen Partnerschaft» ausgebaut wurden. Zudem müssten auch die regionalgeografischen Verflechtungen etwa mit den Seychellen und Malediven berücksichtig werden.

Die Chagos-Frage zeigt exemplarisch, wie sich die internationale Ordnung verändert. Die entscheidenden Verschiebungen der Weltpolitik erfolgen heute nicht primär durch Kriege oder spektakuläre Krisen, sondern durch die schrittweise Neuordnung politischer, wirtschaftlich-infrastruktureller und sicherheitspolitischer Räume. Der Indische Ozean gehört zu diesen Räumen. 

Wer die aktuellen geopolitischen Entwicklungen verstehen will, muss deshalb den Blick stärker nach Südasien richten und tiefer gehen als die kurzfristig mediale Aufmerksamkeit, die Donald Trump generiert. Gerade deshalb ist es strategisch fragwürdig, wenn Südasien in den Prioritäten westlicher und auch schweizerischer Aussenpolitik zunehmend an Bedeutung verliert. Die Region ist nicht nur Gegenstand geopolitischer Veränderungen, sie gehört zu den Orten, an denen die neue Weltordnung aktiv mitgestaltet wird und das dynamische Afrika und Asien sich trifft.

Dr. Remo Reginold

Weiterführende Quellen:

Modernizing US Indian Ocean Strategy, Peter Dean, Michael Green & Alice Nason, 08 Apr 2025. In: The Washington Quarterly, Volume 48, 2025 - Issue 1.

Der amerikanische Stützpunkt Diego Garcia. Zwischen strategischem Kalkül und humanitärer, Gerhard Altmann. 21.01.2026. Bundeswehr Publikation.