Hat uns China bereits überholt oder sind sie auf der Überholspur? Diese Frage stellt sich nicht nur für Tech-Interessierte, sondern ist auch für die Geopolitik relevant. Technologieführerschaft als machtpolitische Kategorie ist nicht neu. Aber das geschickte Zusammenspiel zwischen Narrativen und dem Schaffen von Fakten ist in der neuen Informationsära von strategischer Bedeutung. Erzählungen und Symbole interagieren viel enger mit konkreten Auswirkungen und handfesten Massnahmen, weil sie mit Normativität und Infrastrukturen langfristig und multioptional wirken.
Dr. Urs Vögeli
Die NZZ titelt bildgewaltig «Elon Musk und Co. waren gestern – China ist die neue technologische Grossmacht».[1] Das Narrativ der Tech-Weltmacht China knüpft an uns bekannte und in den letzten Jahren oft gehörte Headlines und Fakten an. China spielt vorne mit bei grünen Technologien wie Batterien, Solarpanels und Windräder. Die Abhängigkeiten insbesondere in Europa sind gross. E-Autos aus China überholen westliche Pendants. Es geht einen Schritt weiter auch um Drohnen, Flugtaxis und humanoide Roboter, sowie natürlich um KI und Quantencomputer, wo China inzwischen eine dominante Rolle haben soll. Etwas weniger bekannt sind die ambitionierten Bestrebungen Chinas im Bereich Raumfahrt, Luftfahrt, Nuklear- und Fusionsenergie, die konsequent und stetig vorangetrieben werden. Das pikante dabei, bei den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit sehen wir uns im Westen als Vorreiter. Der neuste ASPI Critical Technology Tracker zeigt,[2] dass China bereits in 66 von 74 Hochtechnologien führt, die USA noch in acht. Der Tracker analysiert die 10% der meistzitierten Forschungsergebnisse in diversen Bereichen, wie etwa Energie und Umwelt, Biotechnologie, Rüstung, Weltraum, KI und Robotik, oder Quantentechnologie. Die Zahlen werden als frühzeitiger Hinweise gelesen, wo sich Fähigkeiten beschleunigen und hinbewegen. Somit sind auch diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen.
Nichtsdestotrotz scheinen aber gewisse Verschiebungen stattzufinden. Zudem hat der Fall DeepSeek gezeigt, dass die amerikanischen Bigtech-Firmen und Investoren nicht mehr die disruptive Erfindung aus einer Startup-Garage im Silicon Valley fürchten, wie früher das Narrativ war, sondern eher die Disruption aus China. Dass dabei neu auch wieder Hardware, das heisst grosse Infrastrukturen wie Rechenzentren und Stromproduktion in den Fokus rücken, ist nur ein weiterer Hinweis darauf, dass die Verbindung von Technologie und Machtpolitik zentral ist.
Was oft vergessen geht, ist die Tatsache, dass im Bereich Social Media, E-Commerce und Mobile-Economy China die westlichen Internetkonzerne schon länger vor sich hertreibt. Auswuchs davon ist etwa der von der NZZ bezeichnete «Labubu-Effekt», der sich erst langsam in Livestyle- und Kulturfragen niederschlägt:[3] «Junge Menschen im Westen feiern chinesische Produkte und Plattformen, westliche Staatschefs reisen wieder selbstverständlicher nach Peking.» Auch das Phänomen und das Konzept «cool China» macht die Runde.[4] Wie stark dabei die Überlappung von Wahrnehmungsfragen, technologischen und geokulturellen Einflüssen bereits ist, liegt auf der Hand.
Weitere Beispiele werden im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik folgen. Es ist aber auch hier zwischen wirkmächtigen Symbolen und konkreten Fakten kritisch zu differenzieren. Das Narrativ der «Dark Factories» ist ein solches Beispiel. Dark Factories sind gleichzeitig konkreter Ausdruck der rasch fortschreitenden Automatisierung in Chinas Industrie, aber eben auch Symbol für Fortschritt und Dystopie. Die Narrative und Hypes werden gleichsam bedient, wie auch Fakten hinterlegt sind, wie robuste Statistiken und Bilder von Betriebsstätten, die es wirklich gibt. Die Industriedichte, grosse Fertigungscluster und die Little-Giants-Politik ermöglichen eine gleichzeitig schrittweise und dynamische Entwicklung von starken Ökosystemen.[5] Das Fallbeispiel zeigt aber prinzipiell, wie anfällig wir im Westen sind für Hypes und konzeptionelle Bilder, die uns meist an den Polen Dystopie und Utopie ansprechen. Und dennoch ist nicht Nichts dahinter, es werden Fakten geschaffen, dabei aber eben auch gute Bilder, Geschichten und Konzepte bedient. Dies ist das strategische Momentum bei der Tech-Geopolitik.
Augenschein in Peking – Tech-Geopolitik von unten
Meine Reise nach Peking im März 2025 verdeutlicht das Spiel zwischen von Narrativität und Fakten schaffen exemplarisch.
Die propagandistischen Politikvorgaben von ganz oben sind eindeutig. Bild 1 zeigt dies am Beispiel von Smart City, Big Data, Überwachung und Satellitenauswertung. Das Bild stammt aus dem Beijing Urban Planning Museum. Die Richtung ist klar: mehr Daten, mehr modernste Technologie zum Wohle aller. Auch die Raumfahrt ist omnipräsent. Wie zu erwarten gibt es eine umfangreiche Raumfahrtabteilung im China Science and Technology Museum. Zukunftsgerichtet wird die bemannte Raumfahrt heroisch portraitiert (Bild 2). Aber auch im Alltag begegnen einem Weltraumthemen. So etwa bemerkenswert und leicht deplatziert in einer «Space Tea Bar» in der Verbotenen Stadt inmitten von Historie und Kultur (Bild 3). Darin zu sehen gab es insbesondere das chinesische Weltraumprogramm und zu kaufen gab es entsprechendes Merchandise. Das Modernitätsnarrativ mit neuen Technologien und Fortschrittsglaube wurde natürlich auch im Military Museum of the Chinese People's Revolution inszeniert. Die bekannten Themen wie Robotik (Bild 4), Exoskelette, Drohnen, Nuklearenergie, Raumfahrt, Virtual Reality und Simulatoren waren ansprechend kuratiert zu sehen.
Bei einem Besuch an der Beijing Normal University (Pädagogische Universität Peking) ist der «BNU loves AI»-Schriftzug aufgefallen (Bild 5). Er symbolisiert eine grosse Offenheit gegenüber KI-Technologien. In Gesprächen wurde jedoch auch klar, dass KI nicht als grosse Revolution angesehen wird, sondern als Fortführung bestehender Technologien, Trends und Tools. Der Hype um DeepSeek verdeutlicht dabei eher eine patriotische und politische Note. Solche Schriftzüge können aber auch eher als Zeichen gelesen werden, dass Institutionen dem Regime gefallen möchten und wissen, dass das Regime KI gut findet und fördert. Nichtsdestotrotz kann sich daraus eine Narrativitätsspirale ergeben, die sich selbsterfüllt. Im China Science and Technology Museum gibt es ebenfalls eine ganze Abteilung zu KI und Robotik, die einen positiven Zukunftsglauben versprüht und mit einer guten Kurration die dazu passende Neugierde und Experimentierfreude mittransportiert. Bild 6 zeigt das Resultat spielerischer Funktionalitäten von KI und Bildbearbeitung. Bei Bild 7 ging es um Mimik-Erkennung und Gesichtsimitation. Das Video zeigt verschiedene Robotik-Anwendungen. Wie üblich dürfen diese Eindrücke nicht überinterpretiert werden, weil sie sehr bewusst ein positives Bild vermitteln wollen. Aber auch hier lese ich sie primär als Element der Narrativität, die ein wesentlicher Teil der Strategie ist und nicht einfach als Propaganda abgetan werden kann.
Die Faktizität manifestierte sich dann viel eher im urbanen Alltag. Es sind zahlreiche Automaten aufgefallen, sowie ein paar wenige, einfache Roboter, nicht im Übermass, aber mehr als in der Schweiz gewohnt. Der Eindruck war nicht futuristischer Art. Die Bilder 8 und 9 zeigen etwa Post-/Paket-Automaten, die es sehr häufig gibt, und einen Bibliotheksautomaten. Wie in Westeuropa auch schon im Einsatz, sind in Gastronomie und Tourismus verschiedene, sehr simple Unterstützungsroboter im Einsatz (Bild 10). Etwas irritierend war dann aber etwa der eher schusselig wirkende Überwachungsroboter im kleinen 24-7-Shop (Bild 11). Dies knüpft an die so oder so fast flächendeckende Kameraüberwachung an, auch private. Flankiert wurde diese Form von panoptischer Kontrolle foucaultscher Art durch gelegentliche Checkpoints mit Gesichts- und Fingerabdruckkontrolle für Einheimische und zahlreiche Sicherheitsposten bei allen Metro-Ein- und Ausgängen. Die Infrastruktur in Peking ist gut gepflegt und modern. Das subjektive Sicherheitsempfinden ist hoch. Bei der Überwachung stellt sich zudem die Frage, ob die Omnipräsenz des individuellen Smartphones im chinesischen Alltag nicht inzwischen die höhere Kontrolle und Steuerung zulässt, als die teilweise veralteten Kameras an jeder Ecke. Auch hier verwischen die Aspekte von Narrativität und Faktizität.
Langfristige Angewöhnung und Zukunftsausrichtung
Eine These könnte lauten, dass diese Formen von Propaganda und visionären Zielen, verbunden mit der langsamen, aber sehr kontinuierlichen Angewöhnung an neue Technologien und dadurch vielleicht auch Verneblung der Möglichkeiten von Überwachung und Kontrolle die Adaptionsfähigkeit und Akzeptanz stärkt, was es für uns ungemein schwierig macht das einzuordnen und zu beurteilen. Das persönliche Empfinden vor Ort schwankt tatsächlich ständig zwischen Bewunderung und Neugier einerseits, andererseits dystopischen Ängsten und Überreizung, die sich letztlich als Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit manifestieren. Diese Eile mit Weile ist für uns schwierig zu fassen. Wir können dem fast nichts entgegensetzen, weil wir es doch als Fortschritt wahrnehmen, der Annehmlichkeiten und Wohlstand bringt.
Und im geokulturellen Kontext zeigen sich diese Ambivalenzen in diesen inzwischen viel zitierten Statistiken. Asien ist von KI begeistert, die Anglosphäre ist sehr nervös. Europa ist weder sehr nervös noch begeistert, sondern eher lethargisch, so der Eindruck.
[1] NZZ Pro vom 08.02.2026. Elon Musk und Co. waren gestern – China ist die neue technologische Grossmacht. James Knight. https://www.nzz.ch/international/elon-musk-und-co-waren-gestern-china-ist-die-neue-technologische-grossmacht-ld.1923557
[2] ASPI Critical Technology Tracker 2025: https://www.aspi.org.au/programs/critical-technology-tracker/
[3] NZZ Pro vom 09.02.2026. Der Labubu-Effekt: China wird nicht mehr nur als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Lebensgefühl. Katrin Büchenbacher. https://www.nzz.ch/meinung/labubu-effekt-wie-china-von-soft-power-profitiert-ld.1923435
[4] Global Times vom 04.12.2025. ‘Cool China’ has become a symbol of the country’s rising soft power. https://www.globaltimes.cn/page/202512/1349765.shtml
[5] FuW vom 16.02.2026. Was der Westen über Chinas Produktion falsch versteht. https://www.fuw.ch/china-was-der-westen-ueber-chinas-produktion-falsch-versteht-310616741803











