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Trumps Geopolitik: Narrativität auf Amerikanisch

US-Präsident Donald Trump scheint gerne zu verwirren und zu irritieren. Damit wirken er und sein Tun nicht sehr strategisch und auch eben willkürlich. Mit anderen Worten ist seine Politik nicht sehr vertrauenswürdig und damit auch relativ. Bei genauerem Hinsehen betreibt er aber strategisch ein klassisches Agenda-Setting-Prinzip. Damit schafft er sequenzielle Themensteuerung; das heisst, jede Woche oder alle paar Tage wird ein neues Thema gesetzt, das alle anderen überlagert. Der Mechanismus ist auch als „5 topics, 5 weeks“ bekannt. Grundsatz dieses Mechanismus ist es, die öffentliche Aufmerksamkeit so zu kontrollieren, indem man jede Woche oder alle paar Tage ein anderes Aufreger-Thema lanciert oder auffrischt. Dadurch wird eine kohärente Gegenagenda verunmöglicht, weil die öffentliche Debatte ständig „springt“. Medien, Staaten und Behörden geraten in Reaktions- statt Aktionsmodus. Dies ist bewusste Kommunikation und Strategie. Damit lässt sich von Problemen ablenken.
Bestes Beispiel ist das Thema der möglichen dritten Amtszeit von Donald Trump. Er weiss, dass er mit der Anspielung auf diesen Umstand eine Gegen- und Medienreaktion faktisch erzwingt. Wir können fast nicht anders, als darüber zu berichten und zu lesen.[1] Ähnlich ergeht es mit den angedeuteten Atombombentests der USA. Es ist zu drastisch und dramatisch, als dass man es ignorieren kann.[2] Aber bei genauem Hinschauen ist nicht klar, was wirklich gemeint ist und es kann auch entdramatisiert werden. Aber die Aufmerksamkeit wurde über Tage darauf gelenkt und jede erneute Andeutung erzeugt Anziehungskraft. Bei diesem Beispiel könnte es etwa darum gegangen sein, von der schlechten Verhandlungsposition und von dem Resultat gegenüber China abzulenken. Man erinnert sich, zeitgleich wurde der provisorische Deal mit China in Südkorea beschlossen.

Trumps Dramaturgie

Mit dieser Taktung der Aufmerksamkeit betreibt Trump und seine Administration Dramaturgie – die Kunst Geschichten mit Spannung zu konstruieren: Ein Thema kann sequenziell, mit Abstand, mit stetiger Zuspitzung (vgl. Klimax) und dann wieder Entlastung (vgl. Anti-Klimax) dramaturgisch aufgebaut werden. Dazu gehört meist auch eine entsprechende Inszenierung mit starken Bildern, bewusst herbeigeführten Szenen und Begebenheiten, die einem im Gedächtnis und in Erinnerung bleiben.
Das «Zoll Drama» kann so gelesen werden: (1) Paukenschläge mit ersten Andeutungen und Ankündigungen, dann (2) das Pilgern nach Washington verschiedener Staatschefs mit symbolischen Deals (vgl. Tribut zollen), dann (3) Aufatmen oder Tränen, dann (4) erneute Hoffnung oder (5) wieder neue Unsicherheit. In Erinnerung bleiben etwa die grossen Tafeln Trumps, mit denen er jeweils plakativ die Handelsbilanzdefizite und möglichen Zölle präsentiert hatte. Das sind bewusste Stilmittel und Inszenierungen, die auch verschiedene Phasen und Handlungsbögen erlauben.
Auch die Pressekonferenzen im Oval Office als Team oder mit Gästen auf der Sitzgruppe, muten eher wie eine inszenierte Reality-Show an. Sie schaffen gleichzeitig Nähe und Authentizität, aber produzieren auch kräftige Bilder und unvergessliche Momente, wie etwa beim Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Später folgte die grosse Versöhnung mit dem nahezu epischen Bild in Rom, das um die Welt ging. Danach wieder Abstand. Das ist klassisches Spiel mit der Mehrdeutigkeit. Das führte bereits soweit, dass Donald Trump Ende August 2025 als krank oder tot vermutet wurde, als er einmal ein paar Tage nichts kommunizierte und keine Auftritte absolvierte.[3] Selbst das Ruhen wird zum Mittel der Dramaturgie.

Weitere Beispiele solcher Inszenierungen sind die Treffen im Oval Office, bei denen die Gäste als Gruppe vor dem Pult des Präsidenten sitzen und damit etwas Lehrerhaftes respektive eine klare Hierarchie symbolisiert wird. Prominent war das Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs im Weissen Haus direkt nach dem Alaska-Gipfel zwischen den USA und Russland.[4] Interessant sind auch die etwas spontaneren und unkonventionelleren Treffen, wie etwa bei der Zeremonie in Ägypten nach dem Israel-Hamas-Deal, als versammelte Staatschefs willkürlich von Trump ans Mikrofon gebeten wurden. Er agierte dabei eher wie ein Show-Moderator, der seine Gäste vorführt. Dies führte zu Unbehagen und Irritation.[5] Auch wenn das mit amerikanischer Lockerheit überspielt wird, bleibt möglicherweise letztlich doch ein Gefühl der Überheblichkeit und Dominanz. Die USA bestimmen und man spielt mit, weil man muss, nicht weil man will.

Dramaturgie im Team

Bemerkenswert ist dabei auch die Team-Leistung. In der zweiten Amtszeit von Donald Trump scheint ein ganzes Team und Räderwerk zu funktionieren, welches nach aussen gut abgestimmt zu sein scheint. Verschiedene Amtsträger und -trägerinnen übernehmen dramaturgisch und inhaltlich verschiedene Rollen, so etwa J.D. Vance in Europa an der Münchner Sicherheitskonferenz oder eine Crew um Steven Witkoff und Jared Kushner, die sich um den Israel-Palästina-Konflikt gekümmert hat. Unterschiedliche Figuren werden wirksam eingesetzt für unterschiedliche Botschaften und für unterschiedliche Zielgruppen. Bemerkenswert ist, dass medial kaum, als üblich bei US-amerikanischen Präsidenten, von der Trump-Administration gesprochen wird, sondern vielmehr nur vom Showmaster und Dramaturgen Donald J. Trump.


Quellen

[1] Trump zu dritter Amtszeit: "Ich würde es gern machen". ZDF, 27.10.2025

[2] Vor Treffen in Südkorea: Trump ordnet Atomwaffentests an – Moskau droht mit Reaktion. SRF, 30.10.2025

[3] Wie das Gerücht über Trumps Tod aufkam. SRF, 3.9.2025

[4] Am Schreibtisch des Präsidenten - Hier bangt Europa vor Trump. Bild, 19.8.2025

[5] Trump irritiert bei Zeremonie in Ägypten - Chaos nach historischer Unterschrift. Bild, 13.10.2025 

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