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Uneingeschränkte Kriegsführung und entgrenzter Krieg – Sind wir bereit?

Dr. Urs Vögeli

Die hybride Bedrohung durch Russland dürfte nur der Anfang sein, wie Krieg sich in den nächsten Jahren wandelt. Das Buch «Unrestricted Warfare» der beiden Offiziere Qiao Liang und Wang Xiangsui der Volksbefreiungsarmee Chinas aus dem Jahr 1999 beschreibt eindrücklich, wie sie sich den Krieg der Zukunft vorstellen und wie sich eine Armee und ein Land strategisch darauf einstellen sollen.[1] Das Buch gibt einen spezifischen Einblick in die Denkwelt des chinesischen Militärs. Die inzwischen etablierten chinesischen Konzepte der informationsgetriebenen Kriegsführung, der «drei Kriegsführungen»,[2] der zivil-militärischen Fusion, oder auch die strategischen Konzepte hinter den neuen Seidenstrassen und weiterer aussen- und diplomatiepolitischer Initiativen Chinas erinnern stark an die vorliegenden Denkweisen.

«Although the boundaries between soldiers and non-soldiers have now been broken down, and the chasm between warfare and non-warfare nearly filled up, globalization had made all the tough problems interconnected and interlocking, and we must find a key for that.»

Liang und Xiangsui beschreiben die Kriegsführung im Zeitalter der Globalisierung. Alles, was der Menschheit nützen könne, könne ihr auch Schaden zufügen. Sie stellen sich die zentralen Fragen, warum und für wen gekämpft wird, wo der Kampf stattfindet und wer kämpft. Sie sprechen davon, dass ein vollständiges militärisches Umdenken nötig werde, denn «the situation of loud solo parts is in the process of being replaced by a multi-part chorus.»


Beyond limits strategy

Die Autoren gehen von Krieg und Kriegsführung aus, die alle Grenzen und Beschränkungen hinter sich lassen. Einschränkungen, Regeln, Gesetze oder Tabus würden überwunden. Die Grenzen zwischen Krieg und Nichtkrieg, zwischen Militär und Nichtmilitär würden vollständig zerstört werden. Insbesondere hier sehen wir heute mit der hybriden Bedrohung in Europa erste Vorboten dieser Entwicklung (Drohnen über Flughäfen und Militärinstallationen, sabotierte Unterseekabel durch Anker, Gas-Abhängigkeiten, Atomdrohungen, etc.). Die Uneindeutigkeit dürfte weiter zunehmen und unsere auf Klarheit gebauten Sicherheitsarchitekturen und Institutionen herausfordern.

«There is no territory which cannot be surpassed; there is no means which cannot be used in war; and there is no territory and method which cannot be used in combination.»


Die Antwort darauf sei der kombinierte oder verbundene Krieg («combined war»). Diese Art der Kriegsführung sei in erster Linie als Mindset respektive Denkweise zu verstehen, und erst in zweiter Linie als Methode.

Combinations: von Omni zu Supra

Ein Hauptkapitel des Werkes lautet übersetzt: Die tausend Methoden vereint zu einer einzigen, Kombinationen, die Grenzen überschreiten. Die Autoren knüpfen dabei an amerikanischen Konzeptionen des «omni-dimensional combat», «total dimensional warfare» und «Military operations other than war (MOOTW)» an, und formulieren dann mit ihrer Perspektive einen «supra-combinations warfare» anhand von vier Dimensionen:

  1. «Supra-national»: Dabei geht es darum nationale, internationale und nichtstaatliche Organisationen zu verbinden.
  2. «Supra-domain»: Die Verknüpfung der verschiedenen Schlachtfelder und Operationsräume wird zentral.
  3. «Supra-means»: Gemeint ist die Verzahnung von klassisch militärischen Mitteln, beispielsweise mit Wirtschaftshilfe, Handelssanktionen, diplomatischer Mediation, kultureller Unterwanderung, Medienpropaganda, der Formulierung und Anwendung internationaler Regeln oder UN-Resolutionen.
  4. «Supra-tier»: Damit sind die Verbindung und das Springen zwischen den folgenden vier Level/Stufen gemeint.
  • «Grand War – War Policy»
  • «War – Strategy»
  • «Campaigns – Operational Art»
  • «Battles – Tactics»

Es zeigt sich dabei aber auch eine Kritik an der amerikanischen Technologiegläubigkeit. «Information warfare» sei beispielsweise eben nicht mit «computerized warfare» gleichzusetzen. Die SIGA-Konzepte der Multidomain-Kultur, des Joint 4.0 oder von Spin Politics könnten hier hingegen anschlussfähig sein. 

Essenzielle Prinzipien

  • «Omnidirectionality»

Es gebe keinen Unterschied mehr zwischen dem, was Schlachtfeld ist und was nicht. Alle Räume seien betroffen: Boden, Meer, Luft, Weltraum und auch soziale Räume wie Militär, Politik, Wirtschaft, Kultur und die Psyche.

«Even the last refuge of the human race - the inner world of the heart - cannot avoid the attacks of psychological warfare. There are nets above and snares below, so that a person has no place to flee.»


Sie verwenden auch den Begriff der Kreuzung oder Überschneidung («intersection») und meinen damit die umfassende Verwobenheit aller Vektoren. Die Omnidirektionalität verlange nach 360°-Beobachtung und -Designs. Es gehe darum in dieser Komplexität blinde Flecken und tote Winkel zu verhindern. Dies verlangt nach einem hohen Grad an Interdisziplinarität.

  • «Synchrony in time»

Die neue Gleichzeitigkeit von Ereignissen und Phasen verlange nach einer stärkeren zeitlichen Synchronisierung. Sie sprechen von einer Zeit-Kriegsführung. Es gehe etwa darum, Überraschung, Geheimhaltung und Effektivität zu erreichen.

  • «Set a compass»
  • «Minimal Consumption»
  • «Asymmetry»

Die Schwachstellen des Gegners sind zu finden und auszunützen. Ein Motto laute Regeln brechen, um Regeln anzuwenden. Regeln sind also nichts Gegebenes, sondern hier um verschoben und verändert zu werden (vgl. auch das Lawfare-Konzept).

  • «Multidimensional Coordination»

Sie empfehlen ein besonderes Augenmerk auf den Einsatz immaterieller «strategischer Ressourcen» zu legen, wie geografische Faktoren, die Rolle der Geschichte, kulturelle Traditionen, ethnische Identität, die Dominanz und Ausnutzung des Einflusses internationaler Organisationen, etc.

Fazit: Krieg und Strategie als Kunsthandwerk

Das Fazit des Buches lautet,

  • dass alle Mittel unter Bereitschaft stehen müssen,
  • dass Informationen allgegenwärtig sein werden und
  • dass das Schlachtfeld überall sein wird. 

 

Und die Antwort darauf müsse sein,

 


Adaptivität, Kreativität und der Umgang mit Zufälligkeit werden zentrale Aspekte. Somit wird meiner Ansicht nach je nach Lesart der ‘information-led’ zum ‘intelligence led warfare’. Nachrichtendienstliche Arbeit wird zum Dreh- und Angelpunkt der informationsgetriebenen Kriegsführung im Sinne eines Kompetenzzentrums für das Sammeln, Auswerten, Interpretieren und Verbreiten von Wissen (vgl. ‘intelligence cycle’). Als aktuelles Beispiel und Abgleich kann Chinas Strategie der ‘Integrated Development of Three Modernizations’ dienen. Diese gibt das Ziel für die Streitkräfte vor:

  • Mechanisierung (Basis)
  • Informatisierung (Führung)
  • ‘Intelligentization’ (Ausrichtung)

Das ist die Strategie, um die Volksbefreiungsarmee in eine hochtechnologische, informationsgetriebene Streitkraft zu verwandeln, die über die traditionelle Kriegsführung hinausgeht (vgl. Abbildung). 

Der Sinologe Harro von Senger umschreibt das chinesische Strategiedenken als «flexibles langfristiges und weiträumiges zielgerichtetes Denken, das ständig zwischen orthodoxem und unorthodoxem strategischem Verhalten hin und her oszilliert».[3] Dazu nennen die Offiziere in ihrem Buch passend das «surprise/non-surprise principle», das eine Abwechslung von konventionellem und unkonventionellem Vorgehen vorschlägt. Es gehe auch um den Einsatz seltsamer, völlig neuer Kampfmethoden zur Kriegsführung. 

«Sometimes, being fuzzy is the best way reaching clarity.»

In diesem Punkt zeigen diese Denkweisen die grössten Differenzen zu den rationalistisch-doktrinalen Militärstrategien des Westens. Krieg wird als «Kunst» verstanden. Grübeln, Sinnieren und Nachdenken («to ponder») werden zu einer Kernkompetenz. Es gehe nicht um mechanische Abhandlungen, sondern um die Essenz und die Anwendung von Prinzipien. Intuition werde wichtiger gegenüber mathematischer Deduktion. Die Umdeutung des Krieges im Sinne von «unrestricted warfare» zu einem Drachen unterstreicht abschliessend die für China passende narrative Dimension.


[1] Liang, Qiao/ Xiangsui, Wang (2020): Unrestricted Warfare. Originally Published by China’s People’s Liberation Army, Neijing 1999. Albatros Publishers, Neaples.

[2] Lee, Sangkuk (2014): China’s ‘Three Warfares’: Origins, Applications, and Organizations. In: The Journal of Strategic Studies, Vol. 37, No. 2, 198–221.

[3] Von Senger, Harro (2018): Moulüe – Supraplanung. Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte. München: Carl Hanser Verlag.