Am 9. Juli 2026 fand in Köln das Symposium «Wer schützt Europa» der Adenauer School of Government statt. Im Zentrum der Diskussion standen primär die Bemühungen Deutschlands als Antwort auf die neue geo- und sicherheitspolitische Lage Wehrpolitik, zivile Verteidigung und Nachrichtendienstarbeit neu auszurichten. Die Umwälzungen sind tiefgreifend und Lösungen liegen zwar auf der Hand, stehen aber in unterschiedlichen Zielkonflikten. Zeit, Geld und gesellschaftliche Akzeptanz sind die dominanten Variablen.
Verteidigung auch als städtische Aufgabe
Die Eröffnungsrede Rede der Kölner Bürgermeisterin Derya Karadag machte bereits deutlich, dass Verteidigung auch eine städtische Aufgabe ist. Themen wie Wasser, Vorsorge, Gesundheit und gesellschaftliches Krisenwissen zeigen, dass es längst nicht mehr nur um Bevölkerungsschutz, sondern um zivile Verteidigung geht. Beim darauffolgenden Panel wurde daher folgerichtig betont, dass Verteidigung nicht nur Militär und die Bundesstufe betrifft, sondern eine gemeinsame, gemeinschaftliche Verantwortung sei. Der ehemalige Oberbefehlshaber der United States Army Europe GenLt i.R. Ben Hodges erwähnte zudem auch die militärstrategische Relevanz von Infrastrukturen, was nicht selten urbane Infrastrukturen sind. Eisenbahnlinien und -knotenpunkte, sowie Häfen wie Rotterdam und Hamburg hätten für Europas Verteidigung eine essenzielle Rolle. Kriege bedeute «proof of will» und «proof of logistics».
Föderalismus als Resilienzfaktor und Stärke
Nordrhein-Westfalens Nathanael Liminski sprach darauf aufbauend von der regionalen Verantwortung im Bereich Verteidigung. Wie schon auf dem vorhergehenden Podium war auch hier die Frage zentral, wie die nötige «awareness» und «readiness» in der Tiefe der Gesellschaft ankommen kann. Leminski verlangt dabei primär mehr Mut der politischen Entscheidungsträger, neue Wege zu gehen. Vieles müsse heute überdenkt werden, nicht nur in Bezug auf das Militär (z.B. Verbund der Waffen ernsthaft vorantreiben), sondern über alle Behördenstufen hinweg bezüglich Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Herangehensweisen. Spannenderweise wird auch für Deutschland der Weltraum zu einer Schlüsseldomäne, weil grosse Hoffnungen auf die New Space Economy gesetzt wird. Zu guter Letzt hielt er ein Plädoyer für den Föderalismus, den es als Resilienzfaktor und Vorteil zu nutzen gelte.
Wirtschaft, Rüstung, Geopolitik
Das Podium zum Thema Geopolitik und Wirtschaft fokussierte vor allem auf den Bereich Rüstung. Diverse Spannungen wurden aufgezeigt, etwa zwischen Effizienz und Amerika-Abhängigkeiten einerseits, andererseits Souveränität und preistreibender Nachfrage. Die europäische Zusammenarbeit in diesem Themenbereich wurde kritisch diskutiert. Leider wurden geopolitische Entwicklungen, etwa, dass neue Anbieter in Asien mehr und mehr in Frage kommen könnten, wie beispielsweise die polnischen Beschaffungen in Südkorea zeigen, nicht angesprochen. Hingegen wurde diskutiert, dass möglicherweise in Zukunft auch Länder wie Deutschland wieder wirtschaftlichen Druck als Mittel zur Abwehr einsetzen könnten. Dies entspreche zwar nicht der politischen Kultur, könnte aber nötig werden. Dabei stellt sich hier die Frage, ob auch Wirtschaft und Gesellschaft bereit sind durchzuhalten und den Preis für diesbezügliche Entbehrungen zu bezahlen.
Nachrichtendienstarbeit 2.0
Der letzte Teil der Veranstaltung handelte von Veränderungen in der nachrichtendienstlichen Arbeit und Positionierung infolge verschlechterter sicherheitspolitischer Lage. Der genuine Auftrag von Nachrichtendiensten, die Entscheidungssouveränität der politischen Führung zu stärken, steht in einem Spannungsverhältnis zur vielfältigen Notwendigkeit, die Kommunikationstätigkeit auszubauen. Schon länger führen Themen wie Talentsuche und Employer-Branding zu veränderter Kommunikationskultur von staatlichen Behörden und Diensten. Nun kommt aber insbesondere mit Themen wie Informationskrieg und Beeinflussungsoperationen eine taktische Notwendigkeit dazu, öffentliche Aufklärung als nachrichtendienstliches Schutzinstrument zu verstehen und zu nutzen. Vor allem wenn mit dem Thema Resilienz Vertrauen und Akzeptanz gegenüber Sicherheitsinstitutionen und der Verteidigungsarchitektur insgesamt zentrale Voraussetzungen werden, sind auch Nachrichtendienste davon direkt betroffen und Teil der Antwort. Diese «Public Intelligence» ziele jedoch vor allem darauf ab, die Arbeit und den Auftrag von nachrichtendienstlichen Akteuren zu erklären und zu kommunizieren. Die Nachrichtendienstkultur ist jedoch gegenüber weitergehenden Kommunikationstätigkeiten, wie sie etwa die britischen Akteure nutzen, noch zurückhaltend. Neue, auch operative Befugnisse werden nun mit einer Gesetzesänderung angestossen. Ziel ist es, Nachrichtendienste auch als Wirkmittel zu verstehen (vgl. intelligence-led defence). Dies sei jedoch auch mit dem neuen Gesetz noch nicht vergleichbar mit anderen westlichen Diensten und die rechtsstaatlichen Kontrollen sind entsprechend hoch. Was sich aber mit der Zeitwende geändert habe, sei das bis vor wenigen Jahren noch eher distanzierte Verhältnis zwischen Politik und Nachrichtenwesen. Als Abrundung wurde auch im letzten Podium konstatiert, dass Verfassungsschutz wie Verteidigung eine gesellschaftliche und daher gemeinschaftliche Aufgabe sei.
Zivile Verteidigung, Kulturwandel und Infrastrukturen
Mein Fazit: Die Bedeutung der gesellschaftlichen Resilienz und zivilgesellschaftlichen Verantwortung für Verteidigung, Sicherheit, Resilienz und Demokratieschutz wird offenbar immer stärker betont. (1) Es wurden aber scheinbar noch nicht die entsprechenden Antworten gefunden, um in die Tiefe der Gesellschaft die Themen zu verankern, weil insbesondere das Dilemma ungelöst ist, dass wir als liberale Demokratien die Bevölkerung nicht kommunikativ bevormunden wollen und eine bottom-up-Aktivierung viel Zeit und Ressourcen benötigt, sowie gute Methoden der Partizipation in diesem Bereich in den Institutionen noch wenig erprobt sind. (2) Bemerkenswert war für mich zudem die Erkenntnis, dass nachrichtendienstliche Arbeit entmystifiziert werden muss, um bei den Themen gesellschaftliche Resilienz und zivile Verteidigung anschlussfähig und wirkfähig zu sein. Dies setzt einen wesentlichen Kulturwandel voraus und verlangt besonders von der politischen Führung einiges an Mut ab, die entsprechenden Schritte zu tun. (3) Infrastrukturen sind neben der mentalen Bereitschaft die essentiellen Grundlagen für Verteidigung. Dafür braucht es mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung für Infrastrukturen.
Dr. Urs Vögeli

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