Artikel publiziert mit Rücksprache des Verfassers B. Benz, veröffentlicht im Bulletin 2/2025 der Vereinigung der Schweizerischen Nachrichtenoffiziere (www.swissint.ch)
Der Krieg in der Ukraine hat sich zu einem Abnützungskrieg gewandelt. Solche Kriege bedürfen einer robusten Kriegswirtschaft. Sie werden in der Regel von der Partei gewonnen, die in der Lage ist, neue, wettbewerbsfähig ausgebildete Kräfte und die dafür erforderlichen Waffen zu produzieren und zu unterhalten. Es geht darum, eine nachhaltige Kriegswirtschaft, die Mobilisierung von Personal sowie die Nachschubwege sicherzustellen. Die nachfolgenden Zeilen sind eine Zusammenfassung der englischsprachigen Publikation «Winning the Industrial War Comparing Russia, Europe and Ukraine, 2022–24» von Oleksandr V. Danylyuk und Jack Watling beim RUSI, welche im April 2025 erschien.
Kriegswirtschaftliche Vorbereitung – Ausgangslage
Russland verfügte über umfassende Pläne für die Kriegswirtschaft und diese wurden konsequent umgesetzt. Die Bevorratung war gut: Munition und Rüstungsmaterial konnten dank grosser Lagerbestände relativ rasch ausgeglichen werden. Die Ukraine konnte bei den Plänen für die Kriegswirtschaft auf ihre Erfahrungen aus der Sowjetzeit zurückgreifen. Sie stand und steht jedoch vor der Herausforderung, dass Rüstungsmaterial aus sowjetischer Fertigung nicht mit westlicher Technik oder Munition kompatible ist. Weder bei der EU noch bei der NATO gibt es offiziell einen koordinierten Plan für die Kriegswirtschaft. Auch auf nationaler Ebene verfügen nicht alle Staaten über einen diesbezüglichen, fundierten Plan. In den Lagerbeständen der Mitgliedstaaten der EU und NATO gab es zudem teils veraltetes Rüstungsmaterial, welches mit grossem Aufwand instandgesetzt werden musste. Die Bevorratung wurde in vielen europäischen Ländern in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verringert oder die Erhöhung nur langsam vorgenommen.
Russland: konsequente Umstellung auf Kriegswirtschaft
Allgemein kann man Russland zuschreiben, eine grosse Verfügbarkeit von Fachexperten für den Rüstungsbereich zu haben (bspw. Wissenschaftler und Ingenieure). Weiter sind Regulierungen, Qualitätskontrollen sowie Sicherheitsstandards im russischen Rüstungsbereich im Bergleich zu Europa deutlich geringer. Zudem ist ein hoher Anteil der russischen Rüstungsindustrie in staatlicher Hand und wurde mit zusätzlichen finanziellen Mitteln modernisiert. Dies, und eine konsequente Rationalisierung, halfen, die Produktion deutlich zu steigen. Die Kenntnisse der Lieferketten und die relativ kohärente Abstimmung der Investitionen, halfen dabei. Die substanziellen, finanziellen Investitionen ins Verteidigungsbudget gingen zulasten der Bildungs- und Gesundheitssektoren. Wichtige private Unternehmen wurden von Russland rel. rasch unter staatliche Kontrolle genommen und zu Rüstungsbetrieben transformiert.
Ukraine: rasche Transformation und Innovation war notwendig
Auch in der Ukraine ist der Anteil der Rüstungsindustrie, welche in staatlicher Hand ist, rel. hoch und die Verfügbarkeit von Fachexperten für den Rüstungsbereich ist gut. Die Rüstungskapazität wurde jedoch zu Beginn des Krieges nicht effektiv genutzt. Russische Spionage und Sabotage hatten weitere negative Auswirkungen auf den Rüstungsbereich und hinderten westliche Partner, zu investieren. Dies, mit einem Mangel an finanziellen Mitteln führte dazu, dass nur eine limitierte Anpassung an die Kriegslage möglich war. Dadurch, dass die Beschaffungsbehörde aufgelöst wurde, weil sie als zu schwerfällig und langsam galt und u.a. zum Mittel des Crowdfundings gegriffen wurde, entstanden neue Chancen: Mit BRAVE1 hat die Ukraine eine Organisation geschaffen, die den Bedarf der Streitkräfte rasch mit Rüstungsindustrien im In- und Ausland koordiniert. Der Krieg in der Ukraine wird nun rege genutzt, um neue Technik und Ausrüstung unter Gefechtsbedingungen zu testen.
Europäische NATO-Mitglieder: kein Plan und mangelnde Koordination
Die europäischen NATO-Mitglieder hatten unterdessen trotz reichlich vorhandener Finanzmittel erhebliche Probleme bei der Ausweitung der Rüstungsproduktion. Das Fehlen einer Gesamtkonzeption für Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion führte in diversen Ländern zu Fehlentscheiden. Die mangelnde Koordination zwischen dem Staat verschlechterte die Situation zusätzlich. Weiter waren die Kenntnisse der Lieferketten (bei Industrie und Regierungen) nicht überall genügend gut, was zu Ineffizienz führte (interner Wettbewerb, ungleichmässige Expansion). Da gewisse stattliche Behörden nicht in die Versorgungskette involviert sind, resultiert eine ungenügende Datenlage für die Ausarbeitung eines Plans für die Kriegswirtschaft. Einzig Frankreich verfügt über eine grosse stattliche Kontrolle der privaten Rüstungsindustrie, wodurch die Produktion teilweise erhöht werden konnte. Der private europäische Rüstungsbereich war auf dem internationalen Markt und möglichst hohen Profit ausgerichtet und nicht auf eine rasche Steigerung der Produktion für den Kriegsfall. Durch ausbleibende langfristige Beschaffungsaufträge wurde diese Haltung noch verstärkt. Zudem sind die Arbeitsbedingungen im Rüstungssektor oft nicht sehr attraktiv. An Talenten würde es jedoch nicht mangeln. Als die Investitionen anliefen, flossen diese mehrheitlich in die Produkte. Die Versorgungsketten wurden nicht genügend verbessert, was zu höheren Preisen führte. Weiter führen eine eher restriktive Gesetzgebung für die Rüstungsindustrie sowie oft langwierige und schwerfällige Prozesse der Beschaffungsbehörden, zu höheren Kosten und geringerer Produktionskapazität. Von der Möglichkeit, die Produkte in der Ukraine auf dem Gefechtsfeld zu testen, profitiert jedoch auch die europäische Rüstungsindustrie, was sich positiv auf Forschung und Entwicklung auswirkt.
fazit
Bei der Kriegsvorbereitung besteht einer der deutlichen Unterschiede zwischen Russland und den europäischen NATO-Ländern und der Ukraine darin, dass Moskau über einen Mobilisierungsplan und Vorräte verfügte, auf denen es ausbauen resp. daraus schöpfen konnte. Ersterer sah auch direkt gesetzlich Anpassungen vor.
Wenn es um die Umstellung auf Kriegswirtschaft geht, so erweisen sich Einschränkungen durch Vorschriften oft kontraproduktiv, da sie die Kosten erhöhen und die Produktion von Ausrüstung verlangsamt. Laut den Autoren tut bei den europäischen Ländern eine Reform und Harmonisierung der Vorschriften für die Prüfung, Beschaffung, Lagerung und den Transport von Verteidigungsgütern, Not.
Weiter sollten die NATO-Mitglieder aus dem Krieg in der Ukraine lernen, zu ihren nationalen Verteidigungsplänen Anhänge mit den notwendigen Überlegungen und Massnahmen zur Industrie anzufertigen. Vorzugsweise zwischen den Mitgliedern abgestimmt. Die NATO betont zwar die Bedeutung der Abschreckung, um den Ausbruch eines Krieges zu verhindern. Abschreckung ist jedoch psychologischer Natur. In diesem Zusammenhang kann laut den Autoren die europäische Reaktion auf die Invasion Russlands in der Ukraine als Fehlschlag gewertet werden: Russland hat die verfolgte Politik bewertet und aus sich der Autoren für unzureichend befunden. Ihres Erachtens hätte eine relativ moderate Erhöhung der Ausgaben innerhalb der NATO erhebliche Auswirkungen auf die Überlegungen Russlands haben können, wenn dieses Geld in greifbare Ergebnisse geflossen wäre. Derzeit findet die Debatte über die Haushaltsmittel innerhalb der NATO jedoch weitgehend losgelöst von der Debatte über die militärischen Ergebnisse statt.
Der vielleicht grösste Unterschied und der wichtigste Bereich für politische Überlegungen besteht schlussendlich darin, dass Russland und die Ukraine letztlich über eine einzige Behörde verfügen, die für Rüstungsvorhaben zuständig ist. In Europa ist jedes Land zu klein, um autark zu sein, aber es gibt keine multinationale Koordinierung der Verteidigungsindustrie. Ohne dies, sei keine Besserung in Sicht.
SIGA Open Debate zum Thema Kriegswirtschaft, 28. November 2025, 19:30 Uhr in Zofingen:
Was bedeutet Kriegswirtschaft und wo steht die Schweiz?
Quellen
https://static.rusi.org/winning-the-industrial-war-comparing-russia-europe-ukraine-2022-24.pdf
https://brave1.gov.ua/en/
Anmerkung: Dieser Beitrag erschien im Bulletin 2/2025 der VSN (www.swissint.ch)
Bild: https://ubn.news/wp-content/uploads/2022/01/nato-456x257.jpeg

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