Marcel Hirsiger
Genau 1418 Tage waren es am 11. Januar seit dem grossflächigen Einmarsch Russlands in der Ukraine. Und damit genauso viele wie im Grossen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird. Für Wladimir Putin ist dies sehr delikat, hat er selber doch die Bedeutung dieses früheren Krieges in den vergangenen Jahren massiv überhöht und immer wieder auch als Referenzpunkt für die neuerliche Invasion verwendet.
Der Sieg über Nazi-Deutschland Anfang Mai 1945 war schon zu Sowjetzeiten ein wichtiger Feiertag, der mit grossen Paraden auf dem Roten Platz gefeiert wurde. Seit Putins Machtantritt jedoch wurden diese immer pompöser und in ihrer Bedeutung weiter aufgeladen. Während in früheren Jahren der Sieg über Hitler als Basis für den darauffolgenden Frieden in Europa betrachtet wurde, hat Putin insbesondere seit 2012 die Parade genutzt, um die neue russische Stärke hervorzuheben.
Dies fand auch in der Bevölkerung viel Anklang, die sich an den Inszenierungen tatkräftig beteiligte, etwa indem sie die Farben des wiederauferstandenen St. Georg-Bandes trug. Das schwarz-orange Zeichen wurde von Zarin Katharina der Grossen im 18. Jahrhundert als Orden verliehen, ist in den letzten Jahren aber immer stärker zum Identifikationsmerkmal mit der russischen Armee und deren Führung geworden. Sogar Unternehmen werben eigens mit Kampagnen in diesen Farben rund um die Feierlichkeiten Anfang Mai. Das Abzeichen ist in der gegenwärtigen russischen Popkultur omnipräsent und schafft damit eine vermeintliche historische Kontinuität, die den zaristischen Imperialismus früherer Jahrhunderte mit dem Sieg über die Nazis 1945 und dem heutigen Krieg gegen die Ukraine verbindet.
Die Bedeutung militärischer Erfolge in Russland
Überhaupt spielen die militärischen Erfolge der Vergangenheit eine zentrale Rolle im russischen Selbstverständnis. Dieses definiert sich über diese hinaus nur noch über seine tausendjährige Geschichte (was für sich genommen zahlreiche Fragen aufwirft, liegen doch die Wurzeln des heutigen Russlands auch von Moskau unbestritten in Kiew) und die grossartigen Persönlichkeiten des Landes, zu denen nebst den Zaren in der offiziellen Lesart auch Wissenschaftler oder Generäle gehören. Ihnen sind zahlreiche Ausstellungen, aber auch TV-Serien oder Fernsehfilme gewidmet, welche der interessierten Bevölkerung deren Errungenschaften näherbringen.
Gleichzeitig schaffte es die russische Führung in den Jahren seit Putins erster Wahl im Jahre 2000, die Mentalität einer Gesellschaft zu entwerfen, welche sich ausserhalb jeglicher zeitlichen Logik befindet. Geschichte ist nicht mehr Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft geworden. Die einzelnen Epochen überlagern sich und lassen sich kaum mehr voneinander unterscheiden. Was heute unter Putin stattfindet, hätte genauso gut vor 250 Jahren unter Katharina der Grossen geschehen können – beispielsweise die Eroberung der Ukraine. Oder eben unter Stalin, wie etwa der Grosse Vaterländische Krieg von 1941 bis 1945.
So überraschte es auch wenig, als Putin den Einmarsch in der Ukraine im Februar 2024 mit den Plänen einer Entnazifizierung des Nachbarlandes begründete. Damit knüpfte er direkt an den Sieg über Hitler und die Befreiung Europas von den Faschisten an. Der Unterstützung der Bevölkerung konnte er gewiss sein, war doch in den vorangegangenen Jahren eben genau diese Gefahr, die von vermeintlichen Faschisten in Kiew ausgehen würde, immer wieder mit der Situation Europas der 1940er Jahre in Verbindung gebracht worden.
Je länger der Krieg, umso grösser der angestrebte Sieg
Dass der Angriffskrieg gegen die Ukraine nun länger dauert als der Grosse Vaterländische Krieg ist nicht nur Zeichen eines militärischen Misserfolgs, sondern vielmehr eine politische Niederlage des heutigen Kremlherrschers. Dies wird Putin allerdings kaum zu Zugeständnissen in möglichen Friedensverhandlungen bringen. Vielmehr muss der Sieg, den die Führung weiterhin anstrebt, umso grösser ausfallen.
In der Beurteilung des Ukraine-Krieges durch künftige Generationen wird es darum gehen, ob sich all die Verluste – wirtschaftlicher, aber insbesondere auch menschlicher Art – für Russland gelohnt haben. Die Eroberungen der früheren Zaren waren zwar auch nur mit einem hohen Preis möglich, schufen aber überhaupt erst das imperiale Russland in seiner vollen Grösse. Zu diesem zählten nebst dem Moskowiter Kern auch die Ländereien im Osten (Sibirien), Süden (etwa Ukraine oder Kaukasus) und Westen (Teile Europas, etwa in Polen oder im Baltikum). Stalins Sieg über Hitler wiederum konsolidierte die Sowjetunion als Weltmacht und Antipode zu den USA und ihren Verbündeten.
Putin wird also in seinem Selbstverständnis als russischer Herrscher in der Tradition der früheren Zaren nicht umhinkommen, den Erfolg noch grösser zu machen. Für die umliegenden Länder und Europa ist dies eine Warnung. Denn mit jedem Tag, der zu den bereits heute 1418 Tagen seit Kriegsbeginn dazukommt, wird die Bedrohung noch grösser werden.
